Vom Sichtbarmachen des Unsichtbaren: Zwischen Tariflogik und Cyanotypie

Bläulinge und Perlmutterfalter, Val Sumvitg, 2.7.2005, Ilfochrome Color Print (Infrarotaufnahme). © Simone Kappeler

Sonntag – Kulturtag: Zusammenarbeit, das Pflegen verlässlicher Netzwerke und das Verfolgen neuer Projekte prägten die vergangenen Tage. In meinem Alltag faszinieren mich vor allem jene Schnittstellen, an denen Spitzenmedizin und Innovation den bestehenden Vergütungsstrukturen einen Schritt voraus sind: Wie lässt sich ein zukunftsweisendes Radiopharmakon wie ein PSMA-Tracer sachgerecht erfassen? Wie ordnet sich eine Ballondilatation der Prostata in das Tarifsystem ein – und existieren Wege, spezifische Kosten sachgerecht und separat abzugelten? Solche Diskussionen fordern das präzise Eintauchen in hochspezialisierte klinische Fachbereiche und schärfen den Blick für das Wesentliche: Im Kern geht es darum, komplexe medizinische Leistungen im Regelwerk sichtbar und greifbar zu machen. 

Während die Tariflogik danach strebt, klinische Behandlungspfade in starre Ziffern und Pauschalen abzubilden, begibt sich Simone Kappeler auf die Suche nach einer ganz eigenen Form des Sichtbarmachens. 

Inmitten einer Gegenwart, deren visuelle Welten zunehmend an Bildschirmen und durch Algorithmen perfektioniert werden, setzt Simone Kappeler auf das unbändige Eigenleben des Lichts. Ihre Ausstellung «nature vivante» im Kunstmuseum Thurgau befreit die Pflanzenwelt aus der Starre des Stilllebens und macht das Verborgene zur sinnlichen Gewissheit. 

Ein Halm neigt sich im Wind über ein Blatt Seidelbastpapier, das von einer eisensalzhaltigen Lösung getränkt ist. Kein Knicken, kein Brechen und kein vorschneller Schnitt trennt die Pflanze von ihren Wurzeln in der herbstlichen Buntbrache. Stattdessen geschieht das Bild unmittelbar an Ort und Stelle: von der Sonne belichtet, vom Zufall gelenkt und im tiefen Preussischblau der Cyanotypie für die Dauer einer Berührung fixiert. Was Kappeler an den Wegrändern und Wiesen der Ostschweiz ins Bild setzt, verweigert sich jeder botanischen Klassifizierung und jedem musealen Konservierungsdrang. Wo die traditionelle Kunstgeschichte mit dem Begriff der «nature morte» das Stillleben über das Erstarren der Dinge definierte, setzt die Thurgauer Fotokünstlerin auf das lebendige Werden – ihre Natur atmet und wandelt sich unaufhörlich. 

Kappelers Arbeiten sind Inseln der Entschleunigung im unaufhaltsamen Strom der Zeit. Konsequent analog arbeitend, nutzt sie die Materialität des Mediums als seismografisches Werkzeug. Wenn sie zu Röntgenfilmen greift, legt sie die fragile innere Architektur von Stängeln und Blütenkelchen frei; nutzt sie Infrarotmaterial, öffnet sich eine Sphäre jenseits des menschlichen Sehvermögens, angelehnt an die Facettenaugen der Insektenwelt. Die Technik bleibt dabei stets Erkenntnismittel und verfällt nie dem Selbstzweck. Es entsteht eine poetische Alchemie, die das streifende Streulicht, das Zittern eines Grashalms oder das Verblühen vor dem Vergessen bewahrt, ohne der Pflanze ihre Lebendigkeit zu rauben.

Die Ausstellung «Simone Kappeler – nature vivante» ist vom 13. September 2026 bis zum 21. Februar 2027 im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen bei Warth zu sehen. Zur Präsentation ist im St. Galler Verlag jungle books der Begleitband «Simone Kappeler – Handwurz und Zittergras» erschienen. 

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