Perspektivwechsel: Von Tarifen und Farben…

Essaouira, Marocco, 1988 © Harry Gruyaert / Magnum Photos

Sonntag – Kulturtag: In den letzten Tagen ist die neue Tarifversion für den ambulanten Bereich und die Katalogversion 2024 / 2027 für den stationären Bereich publiziert worden. Beides Versionen sind noch nicht vom Bundesrat genehmigt worden und doch werden bereits Diskussionen darüber geführt, dass die Tarife die Realität nicht abbilden.

Die Aufregung und das Entsetzen sind gross, insbesondere die neuen Limitationen geben zu reden: Ab 2027 soll eine Höchstgrenze von 1577 Taxpunkten der ärztlichen Leistung (TP-AL) gelten, die zulasten der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) geht. Die Formulierung zur Umsetzung ist klar, aber wie es in der Realität sein wird, scheint noch unklar zu sein.

Angesichts dieser polarisierten Debatte lohnt es sich, den Blickwinkel zu erweitern und starre Schwarz-Weiss-Muster zu durchbrechen. Genau diese Aufforderung zur differenzierten Wahrnehmung führt mich zum heutigen Kulturtipp: Die Sommerausstellung im CAMERA – Centro Italiano per la Fotografia in Turin, die Harry Gruyaert gewidmet ist.

Der 1941 geborene Belgier, seit langem Mitglied von Magnum Photos, gehörte in Europa zu den ersten, die der Farbfotografie eine eigenständige, kreative Bedeutung gaben. In den 1970er- und 80er-Jahren, als die Fotografie noch stark vom Schwarzweiss dominiert wurde, folgte Gruyaert keinem dokumentarischen Imperativ, sondern entwickelte eine Sprache, in der Farbe nicht beschreibt, sondern empfinden lässt.

Die Turiner Ausstellung ist die erste umfassende Retrospektive seiner Arbeit in Italien. Sie führt chronologisch durch sein Schaffen und beginnt mit der Serie «TV Shots». In diesen Bildern setzt sich Gruyaert mit den ersten Farbfernsehübertragungen auseinander und fängt die damalige, noch ungewohnte Farbigkeit des Mediums ein. Die Ausstellung führt weiter durch die verschiedenen Stationen seiner Reisen. Besonders Marocco nimmt eine Schlüsselrolle ein: Für Gruyaert war es ein Ort der Offenbarung, an dem Landschaft und menschliche Präsenz zu einer visuellen Einheit verschmolzen. Jeder Ort, den er bereiste, erhielt in seinen Bildern eine spezifische chromatische Qualität.

Die Ausstellung von Gruyaert ist vom 18. Juni bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen. Sie markiert den ersten Ausstellungszyklus unter der Direktion von François Hébel und setzt einen klaren inhaltlichen Akzent für die kommende Saison.

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