Begegnungen auf Augenhöhe: Tarife, vertrauensvolle Zusammenarbeit und die Poesie der Reduktion
Sonntag – Kulturtag: Den Gedanken hatte ich lange mit mir herumgetragen, viele Gespräche geführt, immer wieder gezweifelt, ob es denn richtig ist. Die Angst Ende Monat nicht genügend für die Miete und die Krankenversicherung zu haben, begleitet mich immer noch, sie wird aber von Tag zu Tag weniger. Der Bedarf meiner langjährigen Expertise ist da.
Diese Woche konnte ich ein modulares Angebot für ein international tätiges MedTech-Unternehmen abgeben. Dann kam eine Anfrage, ob ich eine Übersicht der TARDOC-Positionen, d.h. deren Änderungen für nächstes Jahr habe. Und natürlich kommt immer wieder die Frage wie das mit der AL-Obergrenze sein wird…
Es sind Menschen, die mich schon lange begleiten und solche, die neu dazu gekommen sind – immer eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe. Nicht nur im Gesundheitswesen ist das gemeinsame Unterwegssein spannend und inspirierend, sondern auch in der Kunst. Überrascht habe ich die Anfrage gelesen und mich hinter das Schreiben eines Textes gemacht.
Es geht auch um eine langjährige Zusammenarbeit: Der Fotograf Bastiaan Woudt und Tinotenda Mushore zelebrieren in Alkmaar eine seltene Kontinuität der Form. Ein fotografischer Dialog, der über das Spiel von Licht und Schatten hinausgeht und die vollendete Poesie der Reduktion in monochromer Strenge greifbar macht.
Ein schwarzer Strohhut von ausladender Dimension, darunter ein lediglich im Profil angedeutetes Gesicht, der Körper gänzlich verborgen in einem dunklen Kegel. Die Fotografie «Modiste», die in Zusammenarbeit mit dem Pariser Hutmacherhaus Maison Michel entstand, ist das jüngste Resultat einer künstlerischen Begegnung, die vor mehr als zehn Jahren mit einem einfachen Moodboard begann. Als Bastiaan Woudt der aus Simbabwe stammenden Tinotenda Mushore seine Visionen präsentierte, erkannten sie eine tiefe Resonanz. Es war der Auftakt zu einem kontinuierlichen Zwiegespräch, das bis heute anhält und essenzielle Werke hervorgebracht hat, die mittlerweile in renommierten Sammlungen wie dem Getty Museum oder dem Rijksmuseum vertreten sind.
Was an den Wänden in Alkmaar hängt, trägt unverkennbar Woudts Handschrift: monochrome Strenge, grafische Präzision, starke Kontraste und eine geradezu skulpturale Auffassung des menschlichen Körpers. Die Entscheidung für Schwarz-Weiss ist hierbei keine rein ästhetische Gefälligkeit, sondern eine bewusste Reduktion, die rigoros alles Ablenkende eliminiert. Die serielle Hängung der fünfzehn limitierten Werke aus den Jahren 2016 bis 2026 offenbart keine simple Wiederholung, sondern eine hochfeine Verschiebung der Form. Während frühe Arbeiten wie «Tino Crown» noch Haut, Haar und feine Körnung in den Fokus rücken, übernimmt allmählich die reine Abstraktion die Regie: In «Cycle II» wird das Gesicht zur Silhouette zwischen weissen Scheiben, bis der Körper in «Fold» beinahe vollständig unter einem plissierten Fächer verschwindet. Erst in den jüngsten Bildern kehrt die Serie zu Stoff, Geste und spürbarer Präsenz zurück.
Tinotenda Mushore verleiht diesem Zwiegespräch seine eigentliche Tiefe. In Simbabwe aufgewachsen und mit zwölf Jahren in die Niederlande übergesiedelt, sprach sie in Interviews offen über die Realität Schwarzer Models: über oberflächliche Diversitätsquoten, unvorbereitete Visagisten und das enge Raster, in das Schwarze Frauen oft gedrängt werden. Diese Lebenserfahrung fliesst unmittelbar in die fotografische Arbeit ein. In den stillen Studio-Sessions wird Mushore nicht für ein fremdes Bild instrumentalisiert, sondern in ihrer ureigenen Identität wahrgenommen – eine Präsenz, die den Werken ihre Gravitas schenkt.
Der 1987 geborene Niederländer Bastiaan Woudt etablierte sich als Autodidakt innert weniger Jahre als feste Grösse der zeitgenössischen Schwarz-Weiss-Fotografie. Inspiriert von Grössen wie Irving Penn und Richard Avedon, prägen grafische Strenge, monochrome Kontraste und eine sublime Lichtregie seine Landschaften, Porträts und Stillleben. Mit Publikationen wie dem in fünf Tagen restlos ausverkauften Band «Tino» (2020) sowie weltweiten Ausstellungen und Ankäufen renommierter Institutionen wie dem Rijksmuseum in Amsterdam und dem Getty Museum in Los Angeles hat er eine unverwechselbare Ästhetik im internationalen Kunstdiskurs verankert.
Das Studio Woudt in Alkmaar dient dem Künstler nicht nur als persönliches Atelier, sondern auch als eigene Galerie, in der er seine Werke gänzlich nach eigenen Vorstellungen kuratiert. Ergänzt wird dieses kreative Zentrum durch die von ihm gegründete Plattform und den Verlag 1605 Collective, welche etablierten sowie aufstrebenden Talenten eine unabhängige, ästhetisch anspruchsvolle Bühne bieten.
Die Präsentation «Ten years, one face» ist bis zum 31. März 2027 im Studio Woudt in Alkmaar für das Publikum geöffnet. Die fünfzehn ausgestellten Werke umfassen vier verschiedene Formate, welche alle in limitierter Auflage erscheinen. Ergänzend wird ein begleitender Katalog herausgegeben, der die visuelle Dekade dieser besonderen Zusammenarbeit in gedruckter Form festhält.