Obergrenzen und Freiräume: Was die Tariflogik von Nino Miglioris Blick lernen kann

Nino Migliori, Gente dell’Emilia, anni cinquanta © Fondazione Nino Migliori ETS

Sonntag – Kulturtag: Diese Woche hatte ich das Vergnügen, mich mit einem MedTech-Unternehmen auszutauschen. Das Beste daran: Wir überlegen, ob wir inskünftig zusammenarbeiten werden. Solche Dialoge an der Schnittstelle zwischen Innovation, betriebswirtschaftlicher Machbarkeit und Versorgungsqualität verdeutlichen immer wieder, wie entscheidend ein verlässlicher gemeinsamer Rahmen für alle Akteure im Gesundheitswesen ist.

Gleichzeitig war das Thema der AL-Obergrenzen in den vergangenen Tagen sehr präsent. Wenn ein Schlaflabor drei Polysomnografien durchführt, ist die Obergrenze mit 1'314.84 AL-Taxpunkten beinahe erreicht, und es bleiben lediglich 262.16 Taxpunkte übrig. Nicht nur im Schlaflabor stellt sich die Frage, wie gerechnet wird; auch in der Psychiatrie herrscht Unklarheit darüber, ob die Taxpunkte der Berichtsschreibung ausgeschlossen werden. Im Moment liest man, dass die Kapitel AA.25 (Ärztliche Berichtserstellung und Gutachten) und AA.30 (Dringlichkeit und Notfall in der freien Praxis) ausgenommen sind – doch diese beiden Kapitel kommen in der Psychiatrie nicht zur Anwendung.

Solche Unklarheiten erschweren eine korrekte Budgetierung und eine vorausschauende Planung. Tarife müssen Orientierung bieten, verlässlich kalkulierbar sein und dürfen keinen willkürlichen Interpretationsspielraum zulassen.

Doch was im Tarifgefüge verunsichert, erweist sich in der Kunst als eigentliche Quelle von Freiheit und Erkenntnis: der offene Raum jenseits starrer Koordinaten.

Zum hundertsten Geburtstag von Nino Migliori widmet das Centro Saint-Bénin in Aosta dem italienischen Fotografen eine Retrospektive seines Frühwerks. Unter dem Titel «La dialettica del reale» versammeln 160 Fotografien aus den Jahren 1950 bis 1959 den Aufbruch der italienischen Nachkriegszeit – festgehalten in einer feinsinnigen Balance zwischen dokumentarischer Anteilnahme und formaler Erneuerung. Wer die Fotografie des italienischen Neorealismus vor Augen hat, denkt zumeist an existenzielle Schwere, an zerfurchte Gesichter und die Trümmer der Nachkriegsjahre. Nino Migliori wählte einen anderen Weg. Seine Arbeiten aus den fünfziger Jahren teilen zwar die tiefe Verbundenheit mit der Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen, verweigern sich jedoch der sentimentalen Geste ebenso wie dem propagandistischen Pathos. Die Wirklichkeit, die Migliori mit der Kamera erkundete, ist voller leiser Pointen, unbewachter Augenblicke und einer unverstellten Neugier auf das Leben.

In den vier grossen Zyklen jenes Jahrzehnts – «Gente dell'Emilia», «Gente del Sud», «Delta del Po» und «Gente del Nord» – fächert sich dieses Panorama auf. In der Emilia begegnet man der lebhaften Commedia des Alltags, den beiläufigen Gesten und Strassenszenen, die durch eine präzise Bildkomposition gehalten werden. Im Süden meisselt das harte Licht die Konturen einer archaischen Welt heraus, ohne sie ins Exotische abgleiten zu lassen; im nebligen Po-Delta wiederum verdichtet sich die Arbeit der Flussfischer zu einer stillen, fast meditativen Beständigkeit. Schliesslich dokumentiert der Blick nach Norden das beschleunigte Tempo der Städte am Vorabend des wirtschaftlichen Aufschwungs. Migliori begegnet all diesen Lebensräumen mit einer Haltung, die anthropologische Genauigkeit mit subtilem Humor und lyrischer Zurückhaltung vereint.

Gleichzeitig trug sein Blick stets den Keim der Abstraktion in sich. Parallel zur Chronik des Alltags begann Migliori schon früh, die Ränder des Sichtbaren zu erforschen: verwitterte Fassaden, abblätternde Plakate, Flecken und Mauerstrukturen, in denen die Realität in ein eigenständiges Formenspiel übergeht. Die Fotografie war für ihn kein unbestechliches Dokument, sondern ein offenes Feld der Interpretation, das das Wesentliche erst durch Weglassen und Kadrieren freilegt. Darin liegt die eigentliche Dialektik seines Frühwerks: Er durchquerte den Neorealismus, um ihn von innen heraus für das formale Experiment zu öffnen.

Die romanische Klosterkirche des Centro Saint-Bénin in Aosta bietet für diese Arbeiten einen bemerkenswert konzentrierten Resonanzraum. Die Ausstellung «La dialettica del reale. Fotografie 1950–1959» ist vom 10. Oktober 2026 bis zum 7. März 2027 zu sehen und wird durch einen zweisprachigen Begleitband im Verlag Dario Cimorelli Editore vertieft.

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Vom Nachweis zur Entgrenzung: Zwischen Interventionslogik und der Poetik des Bildes