Das regulierte Bild: Zwischen KLV-Kriterien und fotografischer Inszenierung

Weibliches Fotomodel in einem Couture-Kleid aus Stickereien von Forster Willi. © Tom Kublin, 1959/60.

Sonntag – Kulturtag: Diese Woche durfte ich in einer gynäkologischen Praxis, die ich seit Beginn kenne, eine Tarif-Schulung machen. Dabei sind wir auf die Frage der Kostenübernahme von Sterilisationen bei Frauen gekommen. Die Kostenübernahme über die obligatorische Krankenversicherung (OKP) ist seit 1980 geregelt:

Gemäss KLV Anhang 1, werden die Kosten bei Frauen übernommen, wenn im Rahmen der ärztlichen Behandlung einer Frau im gebärfähigen Alter die Sterilisation eine Schwangerschaft wegen eines voraussichtlich bleibenden krankhaften Zustandes oder einer körperlichen Anomalie zu einer Gefährdung des Lebens oder zu einer voraussichtlich dauernden gesundheitlichen Schädigung der Patientin führen müsste und andere Methoden der Schwangerschaftsverhütung aus medizinischen Gründen (im Sinne weitherziger Interpretation) nicht in Betracht kommen.

Auch solche Fragen werden in einer Schulung thematisiert. Dabei geht es nicht darum, ob ich etwas gut finde oder nicht, es geht um die Fakten. Natürlich ist meine Haltung spürbar, aber sie steht nicht im Vordergrund. Im Praxisalltag sind Vorgaben Tatsache, nach denen gehandelt werden muss: KLV Anhang 1 legt fest, was das System als kassenpflichtige Leistung anerkennt und wo die Grenze zur persönlichen Entscheidung verläuft.

Dieses Verhältnis von formalen Vorgaben und persönlicher Wirkung greift die Ausstellung «Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Époque bis heute» im Textilmuseum St. Gallen auf.

Die Ausstellung verbindet internationale Fotokunst mit der Ostschweizer Textilwirtschaft und spannt einen Bogen über 120 Jahre Mode-, Fotografie- und Sozialgeschichte. Zu sehen sind Werke renommierter Fotografen und Studios wie Frères Seeberger, Peter Knapp, Helmut Newton, Jeanloup Sieff und Iwan Baan im Dialog mit Entwürfen von Häusern wie Jakob Schlaepfer, Forster Rohner und Akris. Die Arbeiten dokumentieren, wie Modefotografie weit über kurzlebige Trends hinausreicht: Sie zeichnet den Wandel von Rollenbildern und Idealen nach – von der befreiten Silhouette der 1920er-Jahre über die betonte Eleganz der Nachkriegszeit bis hin zu den diversen Darstellungen der Gegenwart.

Die Fotografien machen sichtbar, wie sehr gesellschaftliche Konventionen und Inszenierungen den Rahmen abstecken, innerhalb dessen ein Körper wahrgenommen wird. Ob in der Fotografie oder im Gesundheitswesen: Vorgegebene Strukturen definieren die Bedingungen unseres Handelns. Entscheidend bleibt, diese Rahmenbedingungen präzise zu steuern, ohne den Blick für die Realität dahinter zu verlieren.

Die Ausstellung «Mise en Scène. Modefotografie von der Belle Époque bis heute» ist vom 3. Juli 2026 bis Ende Februar 2027 im Textilmuseum St. Gallen zu sehen.

Weiter
Weiter

Schnittstellen der Sicht: Warum Behandlungsqualität mehr als Routinedaten braucht