Schnittstellen der Sicht: Warum Behandlungsqualität mehr als Routinedaten braucht
Hans Gerber (1910-1978), Collage 71 / 933, 1971, Farbige Collage auf Papier, 26 x 19 cm (PP-Fenstermass), 50.3 x 38.8 x 2.5 cm (Objektmass inkl. Rahmen), Kunstmuseum Thun, Nachlass Hans Gerber, Foto: Christian Helmle
Sonntag – Kulturtag: Diese Woche habe ich (endlich) ein Protokoll einer User-Gruppe gegengelesen und meine Bemerkungen rückgemeldet. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich das gleiche Feedback bereits mehrmals gemacht habe: Als Medizincontrollerin möchte ich mehr mit medizinischen Daten arbeiten und nicht nur mit den Routinedaten, die zwar mit den Finanzdaten verknüpft sind, aber kein vollständiges Bild der Behandlungsqualität darstellen.
Ein klassisches Beispiel dafür sind Assessment-Daten wie das MNA (Mini Nutritional Assessment) oder der NRS (Nutritional Risk Score) zur Erkennung von Mangelernährung. In den Routinedaten fehlen diese, wir sehen erst im Nachhinein die Folgen (z.B. Komplikationen oder eine verlängerte Verweildauer).
Manchmal muss man die einzelnen Fragmente einer Geschichte neu zusammensetzen, um das Wesentliche überhaupt erst erkennbar zu machen.
Diesen Blick auf das Verhältnis von Fragment und Ganzem schärft die Ausstellung «Schnittstellen der Sicht» im Kunstmuseum Thun. Die Präsentation widmet sich der Wandelbarkeit der Collage und stellt Werke des Bildhauers und Zeichners Hans Gerber (1910–1978) den Arbeiten der Basler Künstlerin Sabine Hertig (*1982) gegenüber. Es ist die Gegenüberstellung zweier Generationen, die sich der Technik des Ausschneidens und Zusammenfügens aus völlig unterschiedlichen Perspektiven nähern.
Gerbers Collagen aus den 1950er-Jahren zeichnen sich durch eine kontrollierte, streng komponierte und formal durchdachte Bildsprache aus. Entstanden als Erweiterung seiner bildhauerischen Praxis, bestechen die Arbeiten durch konstruktive Klarheit. Den Gegenpol bilden die grossformatigen Bildlandschaften von Sabine Hertig. Aus Tausenden von Zeitungs- und Magazinausschnitten fügt sie dichte, meist schwarz-weisse Flächen zusammen, die das Auge fordern.
Aus der Distanz wirken Hertigs Werke wie geschlossene, monochrome Malereien. Erst beim genauen Hinschauen löst sich die Fläche in ein vielschichtiges, wucherndes Geflecht disparater Bildschnipsel auf – eine Reflexion über die Fragmentierung unserer Gegenwart. Die Gegenüberstellung führt vor Augen, wie erst das gezielte In-Beziehung-Setzen scheinbar isolierter Bruchstücke neue Tiefe, Muster und Zusammenhänge sichtbar macht.
Die Ausstellung «Schnittstellen der Sicht. Hans Gerber und Sabine Hertig» ist bis zum 29. November 2026 im Kunstmuseum Thun zu sehen.