Ein poetisches Plädoyer für unsere Erde…

Ohne Titel, aus I See Darkness, 2020–2025 © Ester Vonplon

Sonntag – Kulturtag: Nächsten Sonntag haben wir wieder die Möglichkeit mitzubestimmen. Vor uns liegen vier Vorlagen, die kaum unterschiedlicher sein könnten: die Initiative «Bargeld ist Freiheit», die SRG-Initiative, die Klimafonds-Initiative und die Individualbesteuerung. Ich will mich hier nicht zu den einzelnen Themen äussern – wer mich kennt, weiss, wie ich dazu stehe. Was ich aber immer noch nicht verstehen kann, ist, dass wir zwar einiges für unsere eigene Gesundheit tun, aber kaum etwas für die Gesundheit unserer Erde, auf der wir leben und die uns mit ihren Ressourcen erst Wohlbefinden schenkt. Wir sollten etwas mehr Sorge tragen. 

Genau dieses Sorge-Tragen bringt mich zu meinem heutigen Kulturtipp: Die Ausstellung «Flügelschlag» von Ester Vonplon im Fotomuseum Winterthur. Die Künstlerin blickt auf die fragilen Ökosysteme ihrer Heimat – vom Fichtenurwald Uaul Scatlè über das alpine Hochtal Val Curciusa bis zur geschützten Auenlandschaft Ogna da Pardiala. Ihre Arbeiten fungieren dabei als Memento mori, welche die Kraft und die gleichzeitige Vergänglichkeit einer Natur festhalten, die im Angesicht klimatischer Veränderungen bald verschwunden sein könnte. 

Was diese Bilder so eindringlich macht, ist die Verbindung aus achtsamer Beobachtung und radikalem Experiment. In der Serie «Flügelschlag» nutzt Vonplon Fotogramme, um Abdrücke von Pflanzen, Tieren und Steinen festzuhalten. Sie verwendet dabei über hundert Jahre altes Cellofix-Papier, das Soldaten im Ersten Weltkrieg für Lebenszeichen von der Front nutzten. So verbindet sie die historische Zerbrechlichkeit des Materials mit der flüchtigen Existenz heutiger Ökosysteme. 

Einen Weg des bewussten Kontrollverlusts beschreitet sie in der Untersuchung «I See Darkness», für die ein stillgelegter Tunnel im Safiental als Kamera und Dunkelkammer zugleich diente. Über Monate setzte sie das Fotopapier den klimatischen Bedingungen aus; die Zeit selbst wird hier zur Bildhauerin und macht feine Einflüsse der Umwelt sichtbar. 

Dieser experimentelle Geist prägt auch die Serie «il uaul» (rätoromanisch für «der Wald»), in der sie die Auenlandschaft der Surselva dokumentiert. Mit einer analogen Grossformatkamera und eigenen Entwicklungsprozessen offenbart Vonplon Details dieser bedrohten Lebensräume, die dem blossen Auge oft verborgen bleiben. Eine beeindruckende Werkschau, die uns mahnt, genauer hinzusehen. 

Die Ausstellung Flügelschlag kann bis zum 14. Juni 2026 im Fotomuseum Winterthur besucht werden.

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Vom bürokratischen Alltag zur visuellen Poesie…