Vom Nachweis zur Entgrenzung: Zwischen Interventionslogik und der Poetik des Bildes

Sommerstille, 2025, Pigment-Druck auf Moab Entrada Rag Natural-Papier, Edition von / of 3, Druckatelier Tom Blaess, Bern © Cécile Wick

Sonntag – Kulturtag: Diese Woche hatte ich gleich zwei Anfragen, wie sich eine Anästhesie in den ambulanten Pauschalen verhält. Im OP-Bericht wurde eine Infiltration mittels Rapidocain dokumentiert und entspricht somit keiner Leistung aus dem Kapitel WA Anästhesie. Die Anästhesie ist in diesen Fällen nicht groupierungsrelevant.

Da die Prozedur C03.GG.0100 (Rekonstruktion/plastische Korrektur Lippe, Lippenrot, Mundhöhle aus dem Capitulum 03 Ohr, Nase, Mund und Hals) und die Prozedur C09.KF.0230 (Deckung mittels Lappen; Regionen A1, B1, C1, pro Läsion aus dem Capitulum 09 Haut, Unterhaut, Mamma) durchgeführt wurden, ist die Wahl der Diagnose relevant und macht 90.84 Taxpunkte aus. Solche Beispiele zeigen eindrücklich, wie präzise ein Interventionsbericht verfasst sein muss, um Rückfragen oder Rückweisungen im Klinikalltag zu verhindern.

Genau an dieser Schnittstelle von Nachweis und Freiraum setzt mein Kulturtipp an: Im Museum Franz Gertsch befragt Cécile Wick, was von einem Sujet bleibt, wenn man ihm die nüchterne Dokumentationspflicht entzieht.

In ihrer Ausstellung «In naher Ferne» im Kabinett des Burgdorfer Museums nutzt die Schweizer Künstlerin das fotografische Ausgangsmaterial nicht als beweiskräftiges Dokument, sondern begreift das Bild als autonome Setzung. Ob ein flüchtiges Glänzen auf stehendem Wasser, das verästelte Geflecht lichter Baumkronen oder ein isoliert leuchtender Himmelskörper im tiefen Schwarz: Die Kamera sammelt Eindrücke auf Reisen von alpinen Schneefeldern bis zu feinsten Blattstrukturen, doch die geografische Verortung tritt dabei vollständig zurück. Der reale Schauplatz dient ihr lediglich als Impuls, um in einen vielschichtigen Dialog mit den Bildtraditionen östlicher und westlicher Landschaftskunst einzutreten.

Indem Wick die kühle Glätte der reinen Fotografie hinter sich lässt, schlägt sie die Brücke zur Malerei. Über experimentelle druckgrafische Verfahren – von samtigen Monotypien über Gumprints und Pigmentdrucke bis hin zu Silber-Lithografien auf dunklem Grund – verleiht sie ihren Motiven eine spürbare materielle Tiefe und eine differenzierte Grauwertskala. Ergänzt werden diese Arbeiten durch Tuschzeichnungen auf schlichten Holzkonstruktionen unter Glas. Ihre Bildräume entfalten eine kontemplative Kraft, getragen von Stille und einer verdichteten Zeitlichkeit. In ihnen begegnen sich Werden und Vergehen, Licht und Schatten sowie ein feines Gespür für das Erhabene der Natur.

Im Innehalten vor dem Werk scheint der Fluss der Zeit anzuhalten: Das Gestern, das Jetzt und das Morgen fallen in einem einzigen Moment zusammen. Statt messbarer Taxpunkte öffnet sich ein Raum, der das genaue Hinsehen belohnt – nicht um Fakten zu prüfen, sondern um die malerische Verwandlung der Welt zu erfahren.

Die Ausstellung «In naher Ferne» ist vom 19. September bis zum 29. November 2026 im Kabinett des Museum Franz Gertsch in Burgdorf zu sehen.

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