Poetik des Vergehens…
We passed the setting sun, 2023, Archival pigment print © Brigitte Lustenberger / 2026, ProLitteris, Zurich
Sonntag – Kulturtag: Die Bedeutung präziser Dokumentation im medizinischen Alltag spiegelt sich direkt in Taxpunkten und Case Mix wider. Es genügt nicht, lediglich eine Laryngo-Pharyngoskopie zu dokumentieren. Denn, ob die Untersuchung mit starrer Winkel-Optik oder mit flexibler Optik erfolgte, macht einen Unterschied: Die eine Variante wird mit 37.57, die andere mit 46.97 Taxpunkten bewertet.
Diese Notwendigkeit zur Differenzierung erinnert mich an die Feinarbeit am Titel für den Beitrag zur Ausstellung «A Gaze of One’s Own»: Soll es «Poesie des Vergehens» (Resultat) oder «Poetik des Vergehens» (Prozess) heissen? Genau diese Unterscheidung führt zum heutigen Kulturtipp:
Mit den Werkserien «A Gaze of One’s Own» und «An Apparition of Memory» präsentiert Brigitte Lustenberger zwei Positionen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten, sich im Kern jedoch derselben grossen Frage widmen: Wie lässt sich das Flüchtige festhalten, ohne es seiner Würde zu berauben? Lustenberger widersetzt sich der heutigen Bilderflut und stellt das Handwerkliche, den Prozess und das Verborgene ins Zentrum.
Das Herzstück der Ausstellung bildet der Dialog zwischen der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper und der Poesie der Natur. In «A Gaze of One’s Own» wendet sich die Künstlerin nach innen. Inspiriert von Virginia Woolf richtet Lustenberger ihren Blick auf den eigenen, alternden Körper und löst sich damit von der traditionellen, männlich geprägten Sichtweise der Kunstgeschichte. Als Fotografin und Modell in einer Person hebt sie das Machtgefälle zwischen Betrachter und Betrachteter auf; sie verweigert die Objektivierung und bewahrt ihrem Körper das Subjekt-Sein. Die daraus entstehenden Bilder sind keine Akte im konventionellen Sinne, sondern performative Gesten des Selbst-Sehens.
Dieser forschende Blick findet eine überraschende Ergänzung in der Werkgruppe «An Apparition of Memory». Hier entwickelt Lustenberger eine einzigartige, beinahe magisch anmutende Sprache der Blumenfotografie. Anstatt verwelkte Blüten als Abfall zu betrachten, macht sie sie zum Träger des Bildes selbst. In einem einzigartigen Prozess ersetzt das Pflanzenmaterial die lichtempfindliche Emulsion auf alten Diapositivgläsern. Die Farbpigmente der Blumen werden durch das Licht aktiviert und verwandeln sich in fragile Photogramme. So treten filigrane Strukturen hervor, die das blosse Auge im Welken oft übersieht, und offenbaren die raffinierte Architektur der Natur. Die Blumen scheinen die Enge des Glases zu sprengen, lösen sich in eine zeitlose Schwerelosigkeit auf. Jeder Titel, entlehnt aus Liedern, Filmen oder Gedichten, webt eine weitere Bedeutungsebene in das Werk ein.
Die Ausstellung «A Gaze of One’s Own» von Brigitte Lustenberger wird am 12. Juni eröffnet und kann bis zum 30. August 2026 im Museum Franz Gertsch besucht werden.