Von der Komplexität ambulanter Tarife zur klaren Ordnung des Lichts: Fan Ho in Turin

Fan Ho, Approaching Shadow, 1954 © Fan Ho Estate, Blue Lotus Gallery

Sonntag – Kulturtag: Lange habe ich mir überlegt, ob ich meinen Laptop doch mit in die Ferien nehmen soll. Ich habe mich gefragt, ob meine Kunden warten können, bis ich zurück bin – vermutlich konnten sie es besser als ich. Zum Glück hatte ich kaum Netz und nur ab und zu ein WLAN. Die Erinnerungen an eine Zeit ohne Arbeit, insbesondere an den Besuch der Bukhara Photo Gallery, sind noch sehr präsent. Dort hatte ich das Vergnügen, den Sohn des Gründers der Galerie zu treffen, und wir kamen im Gespräch auf den chinesischen Fotografen Fan Ho.

In der Mailbox warteten indes bereits die komplexen tarifarischen Fragen, die meinen Arbeitsalltag als selbständige Medizincontrollerin prägen: Wie rechnet man einen komplexen ambulanten Fall mit mehreren Eingriffen im Kopfbereich ab? Was empfiehlt man einer Gynäkologin, die eine Hausgeburt geleitet und eine Revision eines Dammrisses im Spital durchgeführt hat? Ist das eine oder sind es doch zwei Pauschalen? Wo ist der Eingriff günstiger – im Gebärsaal oder doch im OP? Und was muss beachtet werden, wenn man mit einer Krankenversicherung ins Gespräch möchte, um über ambulante Leistungen im Zusatzversicherungsbereich zu verhandeln? Die Fragen sind inzwischen beantwortet, doch die korrekte Abbildung solch vielschichtiger ambulanter Fälle erfordert stets einen präzisen Blick für Details.

Wie sehr man sich im beruflichen Alltag auch um die Strukturierung fragmentierter medizinischer Leistungen bemüht, die wahre Meisterschaft der ordnenden Komposition offenbarte sich mir in der formalen Strenge des Fotografen Fan Ho.

Lichtbahnen schneiden durch den Dunst enger Gassen, während menschliche Silhouetten im Spiel von Kontrast und Rhythmus verharren: Mit Fan Ho zeigt der Turiner Palazzo Falletti di Barolo das meisterhafte Werk eines Chronisten, der das Hong Kong der Fünfziger- und Sechzigerjahre in zeitlose Bildmetaphern verwandelte. Eine scharfe Diagonale teilt die Mauer, das Dunkel schiebt sich unerbittlich in den hellen Raum, während eine einzelne Gestalt am Rand der Treppe innehält. In Fotografien wie Approaching Shadow oder Street Scene wird der flüchtige Augenblick nicht bloss dokumentiert, sondern einer strengen choreografischen Ordnung unterworfen. Fan Ho fand in den dampfenden, überfüllten Strassenschluchten der Metropole keine Hektik, sondern eine fast kontemplative Stille. Seine Bildsprache balanciert präzise zwischen sozialem Realismus und geometrischer Abstraktion: Lastenträger, Strassenverkäufer und spielende Kinder werden zu existenziellen Akteuren in einem Bühnenbild aus Lichtkanten, Gegenlicht und tiefstem Schwarz.

Die visuelle Kraft dieser Arbeiten gründet in einem doppelten Schöpfungsprozess. Ho verstand das Fotografieren als «Komposition aus erster Hand» vor Ort und vollendete das Werk in der Dunkelkammer als «Komposition aus zweiter Hand». Durch radikalen Beschnitt der Negative, Tonwertmanipulationen und die gezielte Reduktion auf Linienführungen und Chiaroscuro verwandelte er urbane Begebenheiten in poetische Bildräume. Aufnahmen wie Pattern oder A Play of Light and Shadow etablieren ein rhythmisches Gefüge aus Horizontalen und Vertikalen, in dem die Realität zum Anlass einer reinen formalen Konstruktion wird. Dennoch verlor Ho nie den Menschen aus dem Blick; seine Ästhetik zeugt von tiefem Respekt vor der Würde, Resilienz und Verletzlichkeit der Porträtierten.

Fan Ho, 1931 in Shanghai geboren und mit 18 Jahren nach Hong Kong übergesiedelt, eignete sich die Fotografie weitgehend autodidaktisch an. Oft als «Cartier-Bresson des Orients» bezeichnet, schuf er sein massgebliches fotografisches Lebenswerk bereits vor seinem 28. Lebensjahr und wurde mit hunderten internationalen Auszeichnungen gewürdigt. Später fand seine visuelle Sensibilität im Film eine Fortsetzung, wo er über Jahrzehnte als Schauspieler und Regisseur wirkte – während seine Fotografien heute in führenden Museen weltweit vertreten sind. Der prachtvolle Palazzo Falletti di Barolo, eine der bedeutendsten Adelsresidenzen des Turiner Barocks und einstiges Zentrum geistig-kultureller Salons des Risorgimento, bietet für diese Bildwelten eine wirkungsvolle Kulisse. In Zusammenarbeit mit der Hong-Konger Blue Lotus Gallery, die sich der Vermittlung asiatischer Fotografiegeschichte verschrieben hat, holt die Kulturinitiative Ares das Werk des Meisters erstmals in einer grossen Retrospektive nach Italien.

Die Ausstellung «FAN HO. Il maestro della fotografia di Hong Kong», kuratiert von Elisa Maupas und Sarah Van Ingelgom, versammelt hundert fotografische Originalarbeiten und ist vom 11. September 2026 bis zum 10. Januar 2027 im Palazzo Falletti di Barolo in Turin zu sehen. Zur Ausstellung erscheint zudem eine begleitende Monografie bei Dario Cimorelli Editore.

Weiter
Weiter

Das regulierte Bild: Zwischen KLV-Kriterien und fotografischer Inszenierung