Haltung, Veränderung und die Kraft des Vergehens…
© Walter Schels
Sonntag – Kulturtag: Diese Woche habe ich mich oft gefragt, ob ich mich zu gewissen Themen äussern darf oder ob ich damit den Aufbau meiner Selbständigkeit gefährde. Die Inhalte sehe ich differenziert, die Ängste kann ich nachvollziehen, gewisse Gedankengänge jedoch nicht.
Bei bestehenden Kundinnen und Kunden bin ich klar: Sie kennen mich in der Zwischenzeit und erwarten eine differenzierte Darlegung – kein Wischiwaschi und keine veraltete Denkweise.
Doch das vermeintlich Veraltete oder Vergehende birgt oft einen ganz eigenen Wert. Was in strategischen Prozessen hinderlich sein mag, entfaltet in der Kunst eine faszinierende Tiefe: Dies beweist der Fotograf Walter Schels in seiner Werkreihe «Nachblüte».
In den intimen Pflanzenstudien von Walter Schels geschieht etwas Unerwartetes mit dem Vergehen: Es verliert seine Schwere und wird zur Form. Aus vertrockneten Disteln und verblühten Sonnenblumen entstehen keine melancholischen Stillleben, sondern zarte Gefüge auf Papier. Wer vor diesen Werken steht, schaut nicht auf ein fertiges Abbild, sondern auf das Verstreichen von Zeit: Getrocknete Blütenblätter und kristallisierende Salze verbinden sich zu einer stofflichen Verwandlung, die das botanische Porträt hinter sich lässt und den Prozess selbst sichtbar macht.
In seinen Pflanzenstudien setzt Schels diese Suche mit den Mitteln des Materials fort. Er arbeitet mit abgelaufenen Filmen, überlagerten Papieren und gealterten Fixierern. Die Chemie altert mit dem Motiv, sie bringt eigene Farbverläufe und kristalline Adern hervor, die sich wie Sedimente über das Bild legen. In seinen jüngsten Arbeiten lässt Schels schliesslich die Kamera ganz beiseite: Auf grossen Bögen treffen Licht, Entwickler und getrocknete Pflanzenfragmente direkt aufeinander – jedes Blatt bleibt ein Unikat, gezeichnet von der Zeit, die es festhalten wollte.
Die Ausstellung «Walter Schels | Nachblüte» ist vom 31. Juli bis zum 22. August 2026 in der Galerie VisuleX in Hamburg zu sehen. Parallel dazu würdigt das C/O Berlin das Gesamtwerk des Fotografen in der Retrospektive «Walter Schels. 16° Fische. Fotografien von 1958–2026».