Im Dialog mit dem Archiv von Gaza…
Autoportrait de Kegham Djeghalian Sr avec ses enfants, Gaza, ca. 1952
Sonntag – Kulturtag: Zurzeit wird viel über die Taxpunktobergrenze (AL-Höchstgrenze) im TARDOC diskutiert – eine Grenze, die von den Tarifpartnern ausgehandelt worden ist. Rücktrittsforderungen werden laut, die Frage nach Compliance wird gestellt, und es wurde eine neue Interessengemeinschaft gegründet. Vermutlich habe ich in dieser ganzen Auseinandersetzung nicht alles mitbekommen.
Man kann mir vorwerfen, nicht direkt betroffen zu sein. Das stimmt. Und dennoch vermisse ich in dieser Debatte einen echten Dialog zwischen den Beteiligten sowie eine sachliche Betrachtungsweise.
Wenn der sachliche Austausch im Alltag verstummt, lohnt sich oft der Blick auf die Kultur. Sie öffnet Räume für Perspektiven jenseits fester Muster und festgefahrener Fronten. Das führt mich zum heutigen Kulturtipp: Wenn Erinnerungen nicht mehr geordnet in Archiven lagern, sondern als Fragmente auftauchen, setzt das visuelle Gedächtnis eine ganz eigene Kraft frei. Fotografien fangen flüchtige Augenblicke ein, werfen Licht auf das Vergessene und machen es für nachfolgende Generationen erfahrbar. Ruhen solche Bilder lange im Verborgenen, wird ihre spätere Wiederentdeckung zu einem Akt historischer Gerechtigkeit.
Genau diese Erfahrung vermittelt die Ausstellung «Photo Kegham de Gaza: une archive inachevable». Sie zeigt eine faszinierende künstlerische Begegnung: Ein Enkel befragt das fotografische Erbe seines Grossvaters. 2018 entdeckte Kegham Djeghalian Jr. im Haus seines Vaters in Kairo drei rote Schachteln – gefüllt mit Negativen, Dokumenten und persönlichen Erinnerungstücken. Was als späte Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte begann, weitet sich rasch zu einem vielschichtigen Porträt des gesellschaftlichen und alltäglichen Lebens in Gaza im 20. Jahrhundert aus.
Der künstlerische Ansatz von Djeghalian Jr. bricht bewusst mit den Konventionen klassischen Archivierens. Anstatt eine chronologische Reihenfolge zu erzwingen oder die Aufnahmen mit festen Jahreszahlen und erklärenden Legenden zu versehen, setzt er auf eine typologische Anordnung in vier Themenfeldern: «Le Studio», «Gaza Memento», «Album de famille» und «Zoom Call». Dieser Verzicht auf das Eindeutige ermöglicht ein «unmade archive» – eine offene, unvollendbare Archivpraxis, die sich jeder endgültigen Schliessung widersetzt. Die Bilder, befreit vom Korsett der reinen Dokumentation, sprechen für sich: Strandbegegnungen, Maskenbälle, Porträts aus dem Studio und familiäre Momente verdichten sich zu einer alternativen Historiografie. Sie zeigen Gaza jenseits der üblichen Schablonen als einen Ort lebendiger Alltagskultur – voller Würde, Wärme und Vielschichtigkeit.
Die Ausstellung ist bis zum 12. September 2026 im Centre Photographique Marseille zu sehen.