Raster und Ränder…

Drogenelend am stillgelegten Bahnhof Letten. Zürich, 1993 © Schweizerisches Sozialarchiv, Gertrud Vogler

Sonntag – Kulturtag: Diese Woche war geprägt von zwei scheinbar gegensätzlichen Polen: Einerseits bekam ich eine Anfrage für die Beratung eines Kardiologen, andererseits hatte ich eine intensive Diskussion über die Zukunft eines fotografischen Archivs. Beides sind Aufgaben, die mich herausfordern und gleichermassen faszinieren. Während im Medizincontrolling hochkomplexe ärztliche Leistungen – wie jene in der Kardiologie – minutiös analysiert und in ein tarifarisches Raster übersetzt werden, geht es bei der Betreuung eines fotografischen Nachlasses darum, die rohe und oft unstrukturierte Realität eines Lebenswerks behutsam zu ordnen. 

Beides verlangt letztlich ein genaues Beobachten und eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Umfeld. Ein Ethos, das auch das Schaffen der Fotografin Gertrud Vogler prägte. Zürich war in den Achtzigerjahren eine unruhige Stadt, zerrissen zwischen Finanzmetropole und Gegenkultur. Die Fotografin Gertrud Vogler fing diese Zeit des Umbruchs mit unbestechlicher Sanftmut ein. Ein Mann sitzt auf einem Untersatz neben dem Rondell am nächtlichen Platzspitz, umgeben von Abfall, verletzlich wie eine einsame Insel mitten im Chaos. In Gertrud Voglers Linse offenbart sich kein voyeuristischer Schrecken, sondern eine stille, bedingungslose Menschlichkeit. Die Fotografin drängte sich nie in die erste Reihe, um das Spektakel des Elends abzulichten, sondern verschmolz beinahe unsichtbar mit dem sozialen Raum. Wer sich in ihr Werk vertieft, blättert sich durch eine rasante Ära der Rebellion und Zürcher Stadtgeschichte, konsequent und unaufgeregt festgehalten in Schwarz-Weiss. 

Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum, die erbitterten Hausbesetzungen, das Erstarken der Frauenbewegung und der Alltag der Jenischen – Vogler dokumentierte die sozialen Brennpunkte Zürichs zwischen 1975 und 2000 mit beispielloser Ausdauer. Sie umging den klassischen Beobachtungseffekt, indem sie für ihr Gegenüber schlicht zum Inventar wurde. Ihre Bilder verweigern sich der Elendspornografie ebenso wie der plakativen Heroisierung; stattdessen kultivierte sie konsequent das Geheimnis des Unspektakulären. Durch ihren Verzicht auf jede Effekthascherei entfalten ihre Aufnahmen der Jugendunruhen und der verschwindenden Arbeitswelten eine poetische Wucht, die bis heute nachhallt. 

Die Biografie der 2018 verstorbenen Fotografin zeugt von bemerkenswerter Unabhängigkeit. Als Autodidaktin brachte sie sich das Handwerk selbst bei, wirkte über zwanzig Jahre lang als Bildredaktorin für die WOZ und hinterliess ein immenses Archiv von rund 200'000 Negativen, das sich heute im Schweizerischen Sozialarchiv befindet. Der Verlag Scheidegger & Spiess bringt dieses Werk nun in einer von Kuratoren des Sozialarchivs konzipierten Monografie heraus. Das Buch «Gertrud Vogler: Soziale Brennpunkte. Fotografien aus einer Zeit im Umbruch 1975–2000» sichert einer unermüdlichen Chronistin des Alltags ihren festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Schweiz.

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Motion 26.4067: Sparen, ohne über den Tellerrand zu schauen

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Haltung, Veränderung und die Kraft des Vergehens…