Planetary Health und heilende Bilder: Warum wir Geschichte neu erzählen müssen…
The Golden Ladies, 2026 © Raphaël Barontini, ProLitteris, Zurich, courtesy the artist
Sonntag – Kulturtag: Beim Schreiben meiner Abschlussarbeit über eine «klimaresiliente Psychiatrie-Steuerung» wurde mir besonders bewusst: Wir müssen mehr über «Planetary Health» sprechen. Denn ohne einen gesunden Planeten gibt es keine menschliche Gesundheit («Human Health»). Dies zeigt sich in der stationären Psychiatrie besonders drastisch, da klimatische Veränderungen – wie die Zunahme extremer Hitzeereignisse – die biopsychosoziale Stabilität der Patientinnen und Patienten direkt angreifen. Unser Nervensystem und unsere psychische Integrität sind untrennbar in die thermischen und ökologischen Rhythmen des Planeten eingebettet. Eine Destabilisierung dieser planetaren Systeme führt unweigerlich zu einer Destabilisierung der menschlichen Gesundheit, was sich in steigenden Notfallzahlen und komplexeren Krankheitsverläufen widerspiegelt.
Diese Erkenntnis, dass Gesundheit nur im Grossen und Ganzen sowie durch das Aufbrechen starrer Strukturen gedacht werden kann, führt mich zum heutigen Kulturtipp: der Ausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» im Museum Rietberg. Denn wie die Medizin ihre isolierte Betrachtungsweise hinterfragen muss, wagt diese Ausstellung einen mutigen Schritt im Umgang mit unserer Geschichte. Sie hört auf, Geschichte als monolithischen Block zu behandeln, und beginnt stattdessen, deren Risse, Leerstellen und verdrängte Ecken mit Vorstellungskraft zu füllen. Die Ausstellung ist keine blosse Präsentation von Kunstwerken, sondern ein Akt des kollektiven Erinnerns und der aktiven Neuverhandlung unseres visuellen Gedächtnisses.
Der Titel «Fast ein Paradies» bezieht sich auf ein Zitat der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie aus ihrem TED-Talk «The Danger of a Single Story» (2009): «Wenn wir die einzige Geschichte ablehnen, wenn wir erkennen, dass es niemals eine einzige Geschichte über einen Ort gibt, gewinnen wir eine Art Paradies zurück.» Genau diese Haltung leitet die zwanzig internationalen Künstlerinnen und Künstler, die sich in dieser Ausstellung kritisch, poetisch und visionär mit kolonialzeitlichem Fotomaterial auseinandersetzen.
Ein Beispiel für diesen Ansatz ist Raphaël Barontini. Seine Kunst ist bevölkert von Heldinnen, die lange übersehen wurden. Sein neuestes Werk gilt Nobosudru, einer Frau aus dem heutigen Kongo, deren Porträt 1924/25 während einer von Citroën organisierten Afrikareise entstand und später in Europa zum Stereotyp «der afrikanischen Frau» verklärt wurde. Barontini imaginiert die Begegnung neu – diesmal aus Nobosudrus Perspektive. Er kehrt den kolonialen Blick um: Statt als Statistin zu verharren, wird sie zur Autorin ihrer eigenen Geschichte.
Die Ausstellung «Fast ein Paradies. Kolonialzeitliche Fotografie in der Gegenwartskunst» ist noch bis zum 6. September 2026 im Museum Rietberg in Zürich zu besuchen.