Tariflimit und das Echo des Alltäglichen…

Let’s Sit Down Before We Go, Ljalja, Odessa, 1991 © Bertien van Manen, Courtesy of Stichting

Sonntag – Kulturtag: Die Taxpunktobergrenze (AL-Höchstgrenze) im TARDOC für die Tarifversion 2027 wirft in der Schweizer Ärzteschaft massive Wellen. Die Kritik an diesem «Globalbudget durch die Hintertür» warnt davor, dass nach Erreichen des täglichen Maximums Praxen geschlossen werden müssen. Das Taxpunktelimit ist integraler Bestandteil der neuen Tarifversion, die ab 2027 anzuwenden ist. Da sich die Tarifpartner bereits auf 1157 Taxpunkte geeinigt haben, bleibt abzuwarten, wie der für die Genehmigung zuständige Bundesrat diese Limite letztlich festsetzt.

Dieses enorme Echo bildet die Brücke zum heutigen Kulturtipp, der sich um alltägliche Echos dreht: Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» von Bertien van Manen im Centre de la photographie de Mougins. Die Retrospektive versammelt zentrale Serien aus ihrem mehr als vier Jahrzehnte umfassenden Œuvre. Im Herzen der Ausstellung steht das frühe Projekt «I Am the Only Woman There» (1979) der zutiefst feministischen und engagierten Künstlerin. Es widmet sich den ersten Generationen von Migrantinnen in den Niederlanden: Frauen aus der Türkei, Marokko oder Jugoslawien, die als Arbeitskräfte ins Land kamen, jedoch in der Isolation ihrer Wohnungen verblieben und gesellschaftlich kaum wahrgenommen wurden. Van Manen holte sie aus dem Schatten, fotografierte sie in ihren Küchen, bei der Arbeit und während Festen – immer in Schwarzweiss, immer mit einem Blick, der weder mitleidig noch exotisierend ist.

Ebenso eindrücklich ist die Serie «Dienstmaagd des heren?» (1982), die das Leben von Karmeliterinnen dokumentiert. Hier löst sich der dogmatische Rahmen der Institution auf; stattdessen treten die Frauen als Individuen in Erscheinung, bei ihren alltäglichen Verrichtungen, geschützt und zugleich definiert durch ihre Gemeinschaft. In «Yorkshire, New Sharlston» (1979–1980) porträtiert van Manen eine Bergbaugemeinschaft in Grossbritannien, während «Moonshine» (1985–2013) eine über dreissig Jahre währende Begleitung von Bergarbeiterfamilien in den Appalachen der USA zeigt. Ihr Stil änderte sich hier grundlegend: Sie legte das professionelle Equipment ab und arbeitete mit einer kleinen 35-mm-Kamera, um eine unmittelbare, ungekünstelte Nähe zu schaffen.

Die späten Serien «A Hundred Summers, a Hundred Winters» und «Let’s Sit Down Before We Go» führen uns in die postsowjetische Welt. Zwischen 1991 und 2009 reiste van Manen durch Russland, die Ukraine, Kasachstan und Usbekistan. Doch anders als Reportagefotografen suchte sie nicht die Strasse oder politische Ereignisse, sondern die privaten Räume: Schlafzimmer, in denen das Sofa zum Bett wird, Küchen, die als Wohnzimmer dienen. Es ist ein Blick hinter den eisernen Vorhang, der nicht auf das Elend starrt, sondern die Menschlichkeit im Alltag feiert.

Die Ausstellung «Les échos de l’ordinaire» von Bertien van Manen ist bis zum 4. Oktober 2026 im Centre de la photographie de Mougins zu sehen.

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Verschachtelte Tarife, verschwimmende Grenzen…